2. Prinzip: Muskuläre Energie

Die Muskuläre Energie ist die zusammenziehende und nach innen ziehende Kraft, die dir Festigkeit und Stabilität im Körper schenkt und mithilfe derer du mehr und mehr Kraft entwickelst. Diese Stabilität schafft eine gute Verbindung zwischen den einzelnen Körperteilen und ein Bewusstsein dafür, wo du dich gerade im Raum befindest.

 

Wir steigern mit der Muskulären Energie unseren Muskeltonus und setzen damit – nachdem wir mit „Open to Grace” die Basis etabliert haben – die Grundlage, um alle weiteren Ausrichtungs-prinzipien anzuwenden. Gerade für Übende, die eher sehr beweglich sind und oftmals in den Asanas „hängen” ist die Muskuläre Energie eine wahre Wohltat. Sie schenkt uns diese Grenze, um nicht über unsere körperlichen Möglichkeiten hinauszugehen und uns nicht zu verletzen. Das Erleben der Asana wird intensiver und du spürst mehr.

 

In der Praxis wird die Muskuläre Energie von der Körperperipherie zum Zentrum hingezogen. Das heißt, wir ziehen Energie und Kraft von den Händen und Füßen Richtung Becken, Herz oder Gaumen. Diese 3 Punkte beschreiben den Sitz des jeweiligen Fokuspunktes in der Haltung. Vom Fokuspunkt aus wird die gesammelte Kraft wieder nach „außen” geschickt, um sich zu weiten, zu strecken und zu verlängern. Dieses „nach außen schicken” beschriebt schon das fünfte Prinzip – die „Organische Energie”. Sie ist die gegensätzliche Kraft zur Muskulären Energie.

 

Die Muskuläre Energie gliedert sich in 3 Aspekte:

1. Die Haut und Muskeln werden fest an die Knochen gezogen – wie eine feste Umarmung.

2. Die Gliedmaßen (Arme und Beine) werden isometrisch zur Mittellinie gezogen.

3. Die Energie wird von der Peripherie (den Füßen, den Händen) entlang der Arme und Beine zum

jeweiligen Fokuspunkt im Körperzentrum gezogen.

 

Was ist der Fokuspunkt?

Der Fokuspunkt ist der Ort in deinem Körper, wohin du die Muskuläre Energie ziehst und von wo aus du die Organische Energie wegströmen lässt. Im Fokuspunkt spaltet sich die Energie in zwei Richtungen: wieder nach unten in die Basis und nach oben in Richtung Kopf. Hier wird das
„Root to Rise”-Prinzip beschrieben: sich nach unten erden, um nach oben zu wachsen.

 

Die 3 Fokuspunkte sind:

1. Für alle Stehhaltungen sitzt der Beckenfokuspunkt im Zentrum des Beckens

2. Für Handstand und hinabschaunenden Hund sitzt der Herzfokuspunkt hinter dem Brustbein,
im unteren Bereich des Herzens

3. Für Kopfstand, Schulterstand und Schulterbrücke sitzt der Gaumenfokuspunkt in der Mitte des Kopfes, am oberen Gaumen

 

Mentaler und emotionaler Nutzen

Mit der Anwendung der Muskulären Energie stärken wir uns nicht nur auf körperlicher Ebene, indem wir kompakter und stabiler werden, sondern auch auf mentaler und emotionaler Ebene. Auch Qualitäten wie Durchhaltevermögen, Mut, Ausdauer, Entschlossenheit, Sicherheit und Präsenz werden entwickelt und gestärkt. Das Gefühl von Sicherheit und „dass man alles schaffen kann”, das beim Praktizieren der Muskulären Energie entsteht, ist für mich persönlich der größte Nutzen aus diesem Prinzip. Ich übe, Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und darüber hinaus mutiger in meinem Handeln zu werden.

 

Menschen, die sehr willensstark und zielgerichtet sind, sollten aufpassen, dass sie dieses Prinzip nicht zu intensiv anwenden. Es besteht leicht die Gefahr zu verkrampfen und eher das Gefühl zu stärken „ich muss noch mehr machen”. Gerade diese Personen sollten sich mehr auf die Organische Energie konzentrieren, bei der sie lernen, sich selbst gegenüber ein wenig weicher zu werden.

 

Grundsätzlich sollten die unterschiedlichen Ausrichtungsprinzipien so angewandt werden, dass für einen persönlich die richtige Balance (Balanced-Action) entsteht und es sich für dich in der Haltung stimmig anfühlt.